Sonntag, 1. November 2015

Neue Kodierungsstrategien - Triphasische und/oder parallele Stimulation - Vermeidung unerwünschter Reizungen

Ein CI reizt mit kleinen Stromspannungen/-ladungen die Hörnerven, um so einen Höreindruck zu erzeugen. Je nach nötiger Stromstärke abhängig von den Impedanzen, der Anatomie des CI-Trägers, der Leitfähigkeit des Gewebe, der Schädelknochen und individuellem Verlauf seiner Kopf- und Gesichtsnerven etc. in der nächsten Umgebung kann es hier zu unerwünschten, unterschiedlich starken Mitreizungen dieser Nerven kommen!
Dies äussert sich im harmlosen Fall in Kribbeln, Jucken im Gesicht oder einem Taubheitsgefühl z.B. in/auf der Zunge. Handelt es sich nur um dieses zeitweise, sporadisches, leichtes Kribbeln, Jucken oder Taubheitsgefühl können diese Symptome nach einiger Zeit mit der Gewöhnung von selbst verschwinden.
Unangenehmer sind dagegen das mögliche Zucken von Augenlidern oder -brauen. Fies sind z.B. ebenso mögliche, sporadische Muskelkontraktionen am Hinterkopf bei plötzlichen, lauten Geräuschen.
Gerade wenn man hohe Impedanzen hat, muss man mit grösseren Ladungen (Spannungen u. Strömen) arbeiten und es steigt somit das Risiko, dass unerwünschte Reizungen der benachbarten Nerven wie gerade beschrieben auftreten!
Passiert das, schaltet man in solchen Fällen, das gilt für alle CI-Hersteller, ggf. gewöhnlich den betroffenen Kanal bzw. Elektrode ab, falls lokalisierbar, oder begrenzt die Lautstärke, falls ausreichend. Es kann insbesondere auch helfen, mit kleineren Spannungen, aber längeren Phasen bzw. breiteren Pulsen, zu arbeiten, um so dieselbe Lautheit zu erzeugen, oder auch mit kleineren Pulsraten zu arbeiten.

Auch ich bin von diesem Problem betroffen: bei sehr lauten, breitbandigen Geräuschen, wie z.B. lautem Autoverkehr in der Stadt, habe ich am linken Hinterkopf sporadisch Muskelkontraktionen oder zeitweise eine Anspannung der Muskeln dort. Das kann auch zu einem Schmerz an einem bestimmten Punkt führen, quasi einem "Stromschlag". Dies steht mit einem HWS-Syndrom infolge jahrzehntelanger Fehlhaltung wegen einseitigem Hören im Zusammenhang. Als Hörgeschädigter, auch mit Hörgeräten, dreht man sein besseres Ohr automatisch in Richtung seines Gesprächspartners um ihn besser zu verstehen - somit kann auf Dauer, wie auch bei mir, sich diese Fehlhaltung entwickeln. Leider lassen sich solche Entwicklungen nach einer CI Versorgung nicht so schnell und nur schwer zurück drehen... Die Nerven am linken Nacken u. Hinterkopf sind dadurch schon sehr dauergereizt - kommt jetzt noch der Strom durch meine CI dazu und wird dabei eine Schwelle überschritten, werden hierdurch auch diese Fehlreizungen leichter ausgelöst.

Dieser Zusammenhang wurde mir so erst beim Test des Sonnet eindeutig klar. Der Sonnet reizte trotz identischer Map deutlich mehr, weil er vor allem im adaptivem Programm den Hochton in der Lautstärke auf die Spitze treibt! - Das verbessert in der Tendenz das Sprachverstehen, kann aber auch die beschriebenen Fehlreizungen eher auslösen!

Weil die Reizungen in meinem Fall durch breitbandige, nicht genau lokalisierbare Geräusche sporadisch ausgelöst werden, reicht der übliche Weg wie oben beschrieben nicht aus, ohne dass das Sprachverstehen schlechter werden würde. Dazu kommt, dass die Reizungen im Labor bei der Anpassung nicht reproduzierbar sind!

Med-El hat hier nun in der Entwicklung (auch hier u. da, und hier) zusätzlich auch die Möglichkeit - und ist vorerst nur für schwierige Fälle vorgesehen bis zu einer offiziellen Freigabe -, mithilfe einer triphasischen statt gewöhnlich biphasischen Stimulation, das mögliche Risiko von unerwünschten Mitreizungen noch weiter zu reduzieren! Die Ladungen werden auf 3 statt 2 Phasen mit halb so hohen Spannungen (bzw. Amplituden) verteilt: 1. Phase negative Ladung, halbe Dauer; 2. Phase positiv; u. 3. Phase wieder negativ mit halber Dauer der Phase - in der Summe sind die Ladungen immer Null. Die Hörnerven lassen sich mit dieser veränderten Ladungsverteilung mit 2 Ladungsübergängen so insgesamt effizienter stimulieren, da nun halb so hohe Spannungen nötig sind.
Man gewinnt damit so auch wieder zusätzlichen Spielraum, um gute, noch bessere Höreindrücke zu erzeugen - d.h. besseres Sprachverstehen zu ermöglichen - da man die Lautstärke dann nicht mehr so sehr begrenzen muss und somit mehr Dynamik zur Verfügung hat!

Nun, wie hört und fühlt sich das nach der Umstellung an: zuerst ist es ein auffallend härterer, zischigerer Klang, da  der Hochton im Verhältnis lauter ist - denn der muss nicht mehr so sehr wegen möglicher Reizungen begrenzt werden. Gleichzeitig klingen Tief- bis Mittelton weicher, "abgerundet" durch die andere triphasische Ladungsverteilung ;) Nach Tagen konnte ich die Lautstärke weiter erhöhen. Es treten nun kaum mehr Reizungen auf - manchmal ist noch nur ein leichter "Druck" oder Spannung an einer bestimmten Stelle am Hinterkopf links spürbar durch das CI links.

Beim letzten Termin stellten wir weiter um! Links, trotz allem mein "Schokoladenohr", wurden die höchsten 2 Elektroden abgestellt, da der höchste eine zu hohe Impedanz hatte und der Testton beim zweithöchsten nun sehr "unsauber", "verstümmelt" klang. Es scheint  so, dass der Elektrodenträger nicht (nicht mehr?) vollständig, tief genug, in der Ohrschnecke eingeführt ist. Eine Wanderung/Migration von Elektrodenträgern kommt vor - ist das der Grund hier auch!?
Rechts wurden die 2 tiefsten Elektroden abgestellt, weil trotz vieler bisheriger kleinerer Verbesserungen hier der Klang im Vergleich zu links auch nach Jahren so dumpf klang, dass die Verständlichkeit deutlich schwieriger war.
Stattdessen wurden nun links u. rechts jeweils 2 Elektroden zu einem Paar zusammengefasst und auf parallele (auch triphasische) Stimulation aller Kanäle mit doppelter Pulsrate umgestellt. Mir stehen nun pro Seite 2x5 Elektroden zur Verfügung. - Und Ja: jetzt mit Verzögerung von ca. 3 Wochen merke ich deutlich, dass das Sprachverstehen nochmals deutlich besser wird. :) Z.B. The Corrs verstehe ich nun zum grössten Teil auch ohne Untertitel. Auch Jennifer Rostock und viele andere verstehe ich nun weitgehend problemlos. Ich muss mir schon ziemlich Anspruchvolles, schnelle Musik, suchen, um hier die Grenzen zu spüren und zu trainieren! In Filmen kann ich gewöhnlich sehr gut folgen ;) Telefonieren kann ich rechts nun genauso gut wie links!

Wegen der manchmal doch noch auftretenden Anspannungen am Hinterkopf müssen wir nun wahrscheinlich beim nächsten Termin es ausprobieren, zusätzlich mit kleineren Stromspannungen, aber dafür breiteren Pulsen zu arbeiten? Damit ich das Problem der Fehlreizungen hoffentlich auch in lautester Umgebung los werde...

Stand vom 20.12.2015: Jetzt nach weiteren 7 Wochen hat mein Gehirn den neuen Höreindruck rechts weiter, fast völlig dem links angeglichen, ist fast ebenso klar! Beim Telefonieren rechts ist je nach Sprecher der Höreindruck etwas verschwommener als links.
Insgesamt, beidseitig, hat sich in den letzten Wochen deutlich mehr getan! Höre nochmals sehr viel detaillierter dank der neuen, feinen Kodierungsstrategie! Komme gewöhnlich auch im Störlärm - sei es in einem Lokal oder auf dem Weihnachtsmarkt - problemlos zurecht.
Bei den Fehlreizungen hat sich leider noch nicht weiter gebessert - das werde ich hoffentlich beim nächsten Anpassungstermin Ende Januar 2016 ganz beheben können.

04. November 2016: Ein Vergleich mit den "alten" Prozessoren mit der alten biphasischen Map am Abend offenbarte, wie toll dagegen diese neue Kodierungsstrategie (mit ASM 1.0, Maplaw 250) ist, die ich seit nun einem Jahr teste, indem sie den Spielraum an Dynamik und Klarheit immens erweitert! Die alte Map klingt dagegen jetzt sehr leise, sehr verwaschen, undeutlich und - sehr unschön, hatte sofort wieder schmerzhafte Fehlreizungen im Schädel in Nähe der Cochlea und am Hinterkopf!
Das zeigt mir wieder, dass ich heilfroh sein kann, mich für Med-El entschieden zu haben!
Nur deren Implantate und Prozessoren ermöglichen es zur Zeit, soweit bekannt, mit der triphasischen Stimulation eine Lösung bieten zu können, auch mit solch schwierigen Bedingungen umzugehen, ohne sofort wie bei allen anderen Herstellern die Pulsraten reduzieren zu müssen, die Lautstärke der Kanäle so weit begrenzen zu müssen und so leise stellen zu müssen, dass die Fehlreizungen verschwinden oder die betroffenen Kanäle ganz abschalten zu müssen. Damit wäre der Hörerfolg sehr in Frage gestellt, wenn zu viele, gar alle Kanäle betroffen sind!?

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